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Premiere

 

Sky, DAZN, Eurosport, Amazon Prime – ich bin schon lange raus. Wer heutzutage Bundesliga schauen möchte, der benötigt neben dem nötigen Kleingeld die Leidenschaft sich einen Durchblick drauf zu schaffen, wann und wo das nächste Spiel übertragen wird.

 

Die Zeit ist schnell geworden und auch das Riesenrad Fußball dreht sich in einer immensen Geschwindigkeit.

 

Nun gehöre ich schon noch einer Generation an, welche gelernt hat, dass Fußball durchaus Entertainment ist.

Meine ersten Erlebnisse, was den Ball im TV angeht, waren vor allem eines: sehr bunt – und unverwechselbar mit dem TV-Sender Premiere verbunden – welcher am 2.März 1991 mit dem Spiel Frankfurt gegen Kaiserslautern an den Start ging. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Eintracht die Partie mit 4-3 gewann.

 

Ebenso außergewöhnlich wie ein Sieg gegen meine damaligen Roten Teufel war jedoch die revolutionäre Aufmachung und das Designe dieser Fußballübertragung. Bunte Krawatten, kurze oftmals satirische Einspieler, keine nüchternen Analysen, sondern leidenschaftlich und emotionsaufgeladene Vorberichte.

Das damalige Startup Premiere hatte seinen Markenkern gefunden: Das TOP Spiel der Woche. Ja liebe Post-Millennials, es gab eine Zeit, da wurde an einem Wochenende lediglich eine Fußballpartie live übertragen. Keine minütlich wechselnden Highlights zwischen Hamburg und München. Wenn das Spiel am Samstag Bayern gegen Leverkusen war und die Batzis ein nüchternes 1-0 runter spulten, dann war das eben die Story in dieser Woche.

 

Wer kein Bock hatte ständig im Videotext nach dem Zwischenstand seines Vereins zu schauen – an 34 Spieltagen kickten natürlich überproportional oft die Lederhosen – der konnte sich auf den Live Ticker verlassen. Wenn in einem anderen Stadion ein Tor viel, erschien zuerst ein kleiner gelber Balken am unteren Bildrand. Langsam flogen von der rechten Seite die Buchstaben ein. TOR in KAISERSLAUTERN – zu diesem Zeitpunkt wusste man noch nicht für welchen Verein. 1.FCK – BAYER UERDINGEN  0-1 TORSCHÜTZE GUNTER BITTENGEL. In dem Fall natürlich scheiße für mich aber die Spannung war überragend und der Initialschrei durchs Wohnzimmer von Oma und Opa, wenn tatsächlich mal der FCK ne Kiste machte, war durch die ganze Straße zu hören.

Es war eine schöne Zeit, weil sie neu und revolutionär war aber trotzdem die Menschen mitgenommen hat. Wenn ich heute Fußball im Fernsehen anschauen fühle ich mich wie auf einem Taktikseminar. Ich will nicht, dass Erik Mayer mir die abknickende 6 oder den Einsatz von Schienenspielern erklärt. Wo ist die Leichtigkeit geblieben und das Ungezwungene?

Ich kann nicht leugnen, dass Premiere mit seinem damaligen Sportchef Reinhold Beckmann viel zu dem beigetragen hat, wie ich diesen Sport heute noch sehe. Leidenschaftlich, hoch emotionalisiert, aber unkompliziert. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich immer noch den legendären Decoder mit dem weißen Schlüssel. Diesen musste man einstecken – erst dann konnte man mittendrin sein im TV-Erlebnis der 90ger. Die ersten Sekunden war die Übertragung immer „unverschlüsselt“ – bis dann das Bild verpixelte und lediglich die Tonspur zu vernehmen war. Klar, wollten die Schluris auch damals schon ganz subtil Kundschaft anlocken – Premiere konnte mit seinem Produkt jedoch niemals Gewinne erzielen und ging später im heutigen Format Sky auf.

 

Der Mehrwert dieser Zeit sitzt aber noch in Millionen Fan-Herzen. Als prägend kann man es bezeichnen. Das war das Wohnzimmer meiner Großeltern. Grün überzogene Polstermöbel. Samstagmittag Kaffee und Hefezopf und eben das TOP Spiel der Woche auf einem Röhrenfernseher.  Ich höre noch Fritz von Thurn und Taxis mit seinem nüchternen „Donnerwetter“ wenn Mario Basler mal wieder einen Freistoß in den Winkel genagelt hatte. Das waren etliche Diskussionen zwischen den dazugehörigen Sympathien am Holztisch. Bayern – Schalke und eben mein FCK. Beim Abstieg 96 habe ich als 10-Jähriger vor diesem Fernseher geweint, da hat mich mein Opa in den Arm genommen und das Lied von Ernst Neger Heile, heile Gänsje gesungen. Die Message war klar:  Es ist bald wieder gut.  

Im Fußball geht es nicht um Leben und Tod…

 

Die Sache ist viel ernster. William Shankly hat das gesagt, als er Trainer vom FC Liverpool war. Das Schöne daran – für den alten Bill war das keine Floskel. Der gebürtige Schotte sah den Fußball als Spiegelbild des Lebens mit allen seinen dazugehörigen Facetten, seinen Dramen, den Niederlagen und den Erfolgen. Dieser Sport ist viel mehr als ein reiner Freizeitwert, es ist Miteinander und Gegeneinander, beleidigt sein und verzeihen, kommen und gehen – eben das Leben und das dazugehörige soziale Schach. Und bricht man das Ganze auf das kleinste runter, ist Fußball eben auch eine kleine Gruppe minderjähriger Familienmitglieder, die ihrem Vater auf den Sack gehen, weil sie sich fragen, warum er nicht mehr das tut was er doch so gerne gemacht hat – über Fußball schreiben. Und warum er nicht mehr an einen seiner Lieblingsplätze geht.

 

Selbst für mich Fußballromantiker ist es kaum zu glauben, wie viele Genossen sich auf dieser kleinen Plattform wöchentlich verweilt haben. Und wie viele sich persönlich gemeldet haben und es bedauern, dass der Laden hier geschlossen hat. Selbst Menschen die nichts mit dem SV zu tun haben. Es geht im Leben oft um Wertschätzung. Das war eine.

 

Ich bin keiner der Dinge schnell aufgibt. Ich bin seit 30 Jahren FCK-Fan, seit 17 Jahren beim selben Arbeitgeber und seit 10 Jahren verheiratet (Reihenfolge unterliegt keiner Priorisierung). Ich wohne seit 36 Jahren in Reihen, habe dort bei den Senioren über 10 Jahre gekickt, danach die alten Herren gegründet und Jugendmannschaften trainiert – geholfen wie und wo ich konnte. Ich habe 10-mal die Winterfeier moderiert und etliche Artikel in der Stadionzeitung veröffentlicht. Viele Sonntage den Stadionsprecher vertreten und in und an Bierständen gestanden. Ich habe diese Seite eigenständig aufgebaut und über 6 Jahre Buchstaben in den Laptop und das Handy gehauen. Sehr gerne sogar. Bei allem war mir nie das Lob oder das Schulterklopfen das Wichtigste, sondern die Gewissheit etwas zum Großen Ganzen beitragen zu können. So viele Menschen haben ähnliche oder noch bemerkenswertere Vereinskarrieren in Reihen vorzuweisen. Aber das ist meine und ich finde das ist ein guter Beitrag bis hier her gewesen. Blumensträuße brauch ich nicht. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass jemand verschmäht wird, wenn er mal weniger macht – oder auch mal nichts mehr. Vielleicht war es mir aber doch wichtig es einfach mal zu erwähnen.

 

 

Das wichtigste war mir immer frei sein zu dürfen. Nur wer frei ist kann etwas gestalten. Wer immer zurück zieht und jedem Konflikt aus dem Weg geht, wer nur versucht unter dem Radar zu fliegen der hat vermutlich ein ruhiges Leben und wird von jedem gemocht – am Ende des Tages vielleicht aber auch von keinem. Wer alles akzeptiert und runterschluckt, sich alles gefallen lässt und nur hinter der Deckung agiert, der lebt nicht. Das ist nicht meine Art weder beim Fußball spielen noch beim Fußball berichten und auch nicht im Leben. Tausche 10-mal Philipp Lahm gegen einen Wolfram „Wutti“ Wuttke – Gott hab ihn selig.

Bevor nun auch der Letzte keinen Plan mehr hat um was es hier geht. Nur wer viel macht kann Fehler machen. Was aber passiert, wenn man wie ein Gestörter auf seinem Standpunkt beharrt sieht man gerade im Weltgeschehen mehr als deutlich – und im Kleinen fängt es oft an. Jeder darf mal danebenhauen, alle anderen und ich auch.

 

Grundsätzlich wäre es wunderbar, wenn man bei der Ausübung meines Hobbys ein wenig gnädig mit mir ist – wohlwissend, dass auch ich meinen Beitrag leisten muss und sensibel und reflektiert versuche zu schreiben. Trotzdem kann ich eben nur so schreiben wie ich auch den Fußball verstehe. Geradeaus, romantisch und mit Herzblut.

 

There we go - ich stelle den Inhalt dieser Seite wieder online. In welcher Intensität ich weiteren Content reinhacken kann weiß nur der Fußballgott. Das ist aber auch nicht so wichtig. Die Welt hat größere

Probleme als den kuckucks-blog. Wenn aber keiner mehr miteinander reden will kommunizieren Menschen immer noch in zwei Sprachen auf dieser Erde: Musik und Fußball.  

 

Hier war es jetzt jedenfalls lang genug still. 

 

Halten wir uns einfach vor Augen – im Fußball geht es nicht um Leben und Tod.

 

Es geht um? Ganz genau!

Generation Sensitive

 

Wo früher Büchsenwurst gegessen wurde, Wolfgang Petry aus den Boxen donnerte und mit Sprüchen wie „Bist du fett geworden!“ Kreisliga-Legenden sich geadelt fühlten, da gibt’s heute Tofu Würstchen, Apache und nach jedem bösen Blick einen Stuhlkreis mit anschließender Gesprächsrunde. Das ist polemisch – aber – ein bisschen verändert hat sich die Welt schon. Und mit der Welt auch der Fußball und letztendlich die Menschen die ihn betreiben.

 

Verein ist bestenfalls immer ein generationsübergreifendes Projekt. Da steht der 80-jährige Opa und schaut seinem Enkel beim Bambini-Kick zu. Sportliche Helden vergangener Tage schwärmen von alten Zeiten und verfluchen die heutigen Spieler, nur um dann im nächsten Moment bei einem Tor der eigenen Mannschaft vor Freude fast die Bandenwerbung aus den Fugen zu klopfen.

 

Trotz dieser wunderbar verbindenden Magie, welche der Fußball und seine Clubs immer hat und haben wird, gibt es genug Konfliktpotential und jede Menge Fettnäpfchen.

 

Der Ton war früher rauer – das ist Fakt. Die schlechte Nachricht, das war nicht unbedingt besser. Die heutige Generation ist viel Selbstbewusster gegenüber Autoritäten und beißt sich schon lange nicht mehr auf die Zähne gegenüber Trainern oder Verantwortlichen. Wer diesen Wandel nicht verstanden hat, der wird im modernen Umgang mit jungen Menschen scheitern. Übrigens nicht nur beim Sport.

Das Gute an der Geschichte, die Jungs sind nicht weniger begeisterungsfähig und für ein Ziel zu gewinnen als noch vor 50 Jahren. Allerdings erreicht man das heute nicht mehr mit Militärischen-Drill, sondern mit ehrlichem Respekt und Partizipation. Georg Böhmann ist hier aus erster Hand ein Trainer welcher diesen Wandel früh erkannt, viel gelernt und aktiv gestaltet hat. Klar muss er, welcher ganz klar der oben beschriebenen „Generation Büchsenwurst“ entstammt, nicht selten mit den Augen rollen, wenn er manches Verhalten seiner Spieler wahrnimmt. Am Ende der Partie steht aber immer der „Team-Gedanke“ im Vordergrund. Nicht weil man alles vom anderen versteht – aber, weil man sich gegenseitig respektiert. Das ist ein Vorbild.

Da ist es dann auch nicht schlimm wenn dieser Konflikt einfach mal geführt wird. Spannungsfelder sind oft gewinnbringend – wenn man bereit ist sie auszuhalten. Das muss jeder lernen auch wenn es manchmal ein bisschen nervt.

 

Auch dieser BLOG hier schießt manchmal übers Ziel hinaus. Grenzwertig, eine Nummer drüber, nicht mehr witzig!!! Horst Schütz kann ein Lied davon singen, oder so mancher Spieler. Ganz selten auch die Eigenen. An Kritik wird oft nicht gespart, an Lob auch nicht, aber – keine Frage – Kritik ist irgendwie immer persönlich und wenn sie aus den eigenen Linien kommt noch viel mehr, weil man nicht mal ansatzweiße böse Absichten diesbezüglich verfolgt. Ganz im Gegenteil. Ich kann das aber nicht anders lösen – weil ich bin wie ich bin und genauso schreibe.

Voila: Spannungsfeld!!!   

 

Die Frage ist: Hinschmeißen? Rückzug? Unverständnis? Nope… Die Antwort ist: Das „Böhmännsche-Prinzip“ Die alten Zeiten lieben, ab und zu mit den Augen rollen und die neuen Zeiten gestalten.

 

Wenn jetzt noch die nachfolgenden Generationen das „lieben“ der alten Zeiten mindestens durch „Respektieren“ ersetzten und ebenfalls bereit sind manche Konflikte auszuhalten, dann haben wir ein vielleicht.

 

Vielleicht frisst dann der komische Apache auf seinem Roller auch mal wieder eine Büchsenwurst und hört dazu Wolfgang Petry. Fett geworden ist der nicht, aber das Haupthaar ist ihm ausgefallen. Er möge mir diese Beobachtung verzeihen. Und um es mit seinen Worten zu sagen, gilt für mich weiterhin: „Ganz oder gar nicht“

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