Noch einmal Dienstagabend

Es ist 18.37 Uhr. Ein Dienstagabend irgendwann im November. Irgendwann in den vergangenen vier Jahren. Der Wind zieht über das Professor-Karolus-Stadion. Blätter liegen auf dem Spielfeld.

 

Die Flutlichter sind noch nicht an. Unter der Pergola vor dem Clubhaus riecht es nach Zigaretten. Die ersten Spieler kommen zum Training. Christian Stumpf, einer der vier Trainer, steht draußen und begrüßt sie. Einer entschuldigt sich für die Verspätung, einer humpelt leicht, einer hat seine Schuhe vergessen. Stumpf hört zu. Manchmal mit einem Kopfschütteln, manchmal mit einem Grinsen – meistens mit beidem gleichzeitig.

 

Von außen betrachtet besteht ein Trainerleben hauptsächlich aus Spielen.

 

In Wahrheit sind es Dienstage. Kalte Dienstage. Nasse Dienstage. Dienstage nach Niederlagen. Dienstage nach Siegen, die spätestens am Mittwoch schon wieder vergessen sind.

 

Die Mannschaft läuft sich warm, es wird über den Schiedsrichter vom Wochenende diskutiert, der Ball wird über den Zaun geschossen und einer muss ihn holen. Wie immer. Ein Trainer erlebt vor allem das, was vor den 90 Minuten passiert. Die Verletzungen und die Zweifel. Spieler mit privaten Problemen. Manche, die aufhören wollen. Andere, die ihrer Meinung nach viel zu wenig Spielzeit bekommen. Und manchmal die Erkenntnis, dass Fußball eben doch mehr ist als Fußball.

 

 

"Nach 25 Jahren wieder Pokalsieger - Sascha Fuhr und Christian Stumpf"

Irgendwann endet jede Saison. Und irgendwann endet auch jede Trainerzeit. Selbst beim SV Reihen.

 

Christian Stumpf war zunächst ein Jahr Co-Trainer unter Georg Böhmann und anschließend drei Jahre gemeinsam mit Sascha Fuhr und Claudio Bellanave Cheftrainer des Sportvereins. Drei Endspiele hat dieser Verein in dieser Zeit gefeiert. Oder besser gesagt: zelebriert.

 

Das Relegationsspiel nach der Vizemeisterschaft gegen Gartenstadt. Den Pokalsieg nach 25 Jahren. Und das Kreispokalfinale in dieser Saison. Siege. Niederlagen. Kabinenansprachen. Pokale. Unzählige Partys. Unzählige Lieder. Und ebenso viele stille Momente.

 

Zu diesen stillen Momenten gehört auch jener Augenblick nach seinem letzten Heimspiel, als Christian Stumpf noch einige Minuten allein auf der Trainerbank sitzen blieb. Einfach so. Als würde man versuchen, einen Moment festzuhalten, der längst begonnen hatte zu verschwinden.

 

Wie viele Dienstage braucht ein Trainer, um Spuren in einem Verein zu hinterlassen? Ich weiß es nicht. Fest steht nur: Christian Stumpf hat diesem Verein als Trainer und als Mensch sehr viel gegeben. Und ganz nebenbei dem Kuckucks-Blog eines der schönsten Gespräche der vergangenen zehn Jahre. Es ging um Leidenschaft. Um Taktik. Um Rückschläge. Und darum, niemals aufzugeben. Inspirierend – nicht nur für seine Spieler.

 

The Iron-Man

 

Treffend war Stumpf immer auch abseits des Spielfelds. Nach dem Pokalfinale suchte er nach einer Beschreibung für diesen Abend: "Es war so geil - ich hatte 90 Minuten lang eine Err***ion" 

Gemeint war kein medizinischer Zustand, sondern dieses seltene, kaum zu beschreibende Gefühl das alle die dabei waren teilen. 

 

Ein Moment eingefangenen in einem für ihn typischen Satz.

 

Auf eigenen Wunsch hört Christian Stumpf in diesem Sommer nach vier Jahren beim SV Reihen auf. Trainerzeiten gehen vorbei. Genau wie Dienstagabende. Irgendwann gehen die Flutlichter aus. Das Training ist vorbei. Der Platz wird dunkel. Nach dem Duschen gehen alle langsam nach Hause. Es wird immer einen neuen Dienstag geben. Die Hütchen wird dann vielleicht jemand anderes aufstellen. Die Spuren aber bleiben.

 

Danke, Christian. Für vier außergewöhnliche Jahre in Schwarz und Weiß. Viszontlátásra.

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