Yannik Obländer über seinen Weg nach Reihen,
Wertschätzung, Mannschaftsgeist und seine neue Rolle als Spielertrainer.
Es gibt Fußballer, deren Geschichte sich ziemlich einfach erzählen lässt. Spiele, Tore, Aufstiege, vielleicht noch ein paar
besondere Momente – fertig.
Und dann gibt es Spieler, bei denen die interessantere Geschichte zwischen diesen Zahlen liegt.
Yannik Obländer gehört zur zweiten Kategorie.
Wer ihn beim SV Reihen erlebt, kennt den Fußballer: zweikampfstark, zuverlässig, mit gutem Auge und einem linken Fuß, der einen Ball auch mal aus ziemlich großer
Entfernung auf eine Reise schicken kann. Man kennt den ehemaligen Kapitän, den Pokalsieger – und seit dieser Saison auch den Spielertrainer.
Wer länger mit ihm spricht, merkt allerdings schnell, dass ein anderer Begriff viel häufiger fällt als Tore, Tabellenplätze oder persönliche
Erfolge:
Wertschätzung.
Vielleicht ist das kein Zufall.
Denn Obländers Fußballweg verlief keineswegs immer geradeaus. Vom Heimatverein TSV Steinsfurt führte er in der Jugend zum VfB Eppingen, wo er bis in die
Verbandsliga kam. Danach zurück nach Steinsfurt, über A-Klasse, Kreisliga und Landesliga, durch eine schwere Verletzung und schließlich in einer schwierigen Phase seines Heimatvereins zum SV
Reihen. Ein Wechsel, der ursprünglich gar nicht selbstverständlich war. Heute ist aus dem Neuzugang längst eine
der prägenden Figuren der Mannschaft geworden.
Kapitän. Pokalsieger. Führungsspieler. Und nun Spielertrainer.
Dabei wirkt Obländer nicht wie jemand, der besonders gerne über sich selbst spricht. Selbst wenn man ihn nach seiner eigenen Laufbahn fragt, dauert es meistens nicht
lange, bis er bei Mitspielern, Trainern, seiner Familie oder dem Verein landet.
Vielleicht erzählt genau das mehr über ihn als jede Statistik.
Wir haben uns mit Janik zusammengesetzt und sind noch einmal ganz an den Anfang zurückgegangen. Wir haben über seinen Vater als Trainer gesprochen, über
Verbandsliga-Fußball in Eppingen, die Landesliga mit Steinsfurt und einen Ball, der einst im Nachthimmel von Adelshofen verschwand.
Vor allem aber darüber, warum er beim SV Reihen etwas gefunden hat, das ihm im Fußball besonders wichtig geworden ist.
Und natürlich über seine neue Aufgabe.
Denn plötzlich muss einer, der jahrelang einfach seine Tasche packte und zum Training fuhr, vorher überlegen, was die anderen dort eigentlich machen
sollen.
TEIL
1
Yannik, gehen wir ganz an den Anfang. Wie hat dein
Fußballweg begonnen?
Ich habe in Steinsfurt angefangen. Damals hatten wir dort noch eine relativ große Jugend. Matthias Streib war zu dieser Zeit Jugendleiter. Mein Vater war in meinen
ersten Jahren auch mein Trainer, ungefähr bis zur E- oder C-Jugend.
Den eigenen Vater als Trainer zu haben, ist wahrscheinlich Fluch und Segen zugleich.
Ja, auf jeden Fall. Gerade wenn man jünger ist, geht einem das manchmal schon auf den Keks.
Der eigene Vater kennt dich natürlich noch einmal anders. Er weiß, welches Potenzial in dir steckt und ob du etwas eigentlich besser machen könntest. Dadurch war er
wahrscheinlich auch immer mein größter Kritiker.
Wenn man ein gutes Spiel gemacht hatte, kam trotzdem noch: Das und das hätte aber besser sein können. Im Nachhinein hilft einem so etwas natürlich auch.
Später kam Harald Wilkening als Trainer
dazu.
Genau. Harry kam ungefähr im zweiten C-Jugend-Jahr. Damals kamen auch einige Spieler aus Reihen dazu, weil unser 97er-Jahrgang in Steinsfurt relativ dünn besetzt
war.
Harry bekam dann das Angebot aus Eppingen, dort die B-Jugend zu übernehmen. Und weil wir in Steinsfurt sowieso keine Mannschaft mehr zusammenbekommen hätten, sind
einige von uns mitgegangen.
Warst du damals schon zentral im Mittelfeld unterwegs?
Sowohl als auch. In Steinsfurt habe ich in der Jugend häufig Innenverteidiger gespielt.
In Eppingen hatten wir dann zwei Innenverteidiger, die das wirklich gut gemacht haben. Dadurch bin ich immer wieder zwischen Innenverteidigung und Sechserposition
gewechselt.
Und dann ging es plötzlich auf ziemlich hohem Niveau weiter.
Ja. Wir waren in Eppingen eigentlich ein ziemlich zusammengewürfelter Haufen. Spieler aus Mühlbach, Eppingen, Steinsfurt und anderen Vereinen.
Wir hatten nicht diese zwei oder drei überragenden Einzelspieler, bei denen jeder gesagt hätte: Die stechen komplett heraus.
Aber als Mannschaft haben wir uns von Anfang an richtig gut verstanden.
Das war schon cool. Ich glaube, wir sind damals sogar Fünfter geworden.
Eigentlich müsste man meinen, dass so eine Mannschaft anschließend gute Chancen hat, in den Aktivenbereich übernommen zu werden.
Das haben wir auch gedacht.
Aber irgendwann hatten wir als Mannschaft das Gefühl, dass in Eppingen gar kein so großes Interesse daran bestand, wie es mit uns weitergeht.
Mich hat das gestört.
Deshalb habe ich für mich relativ früh entschieden: Komm, ich gehe wieder zurück nach Steinsfurt.
Die haben damals A-Klasse gespielt und ich wollte versuchen, dort meinen Teil beizutragen.
Was ziemlich schnell funktioniert hat – wir sind dann ja auch bis in die Landeliga aufgestiegen.
Ein Ball
verschwindet im Nachthimmel
15. September 2022. Sagt dir das Datum etwas?
Adelshofen. Letzte Minute.
Ah, okay. Ja.
Mit welcher Intention tritt man diesen Ball damals eigentlich in die Luft?
Wir hatten zu diesem Zeitpunkt, glaube ich, mit einem Tor geführt.
Von uns kommt ein Steckpass, der etwas zu lang gerät. Der Torwart kommt ungefähr 25 Meter vor seinem Tor raus, nimmt den Ball direkt und schlägt ihn hoch zurück ins
Mittelfeld.
Ich sehe den Ball auf mich zukommen und gleichzeitig, dass der Torwart noch weit vor seinem Tor steht.
Und dann denke ich einfach: Komm, volles Risiko. Ich nehme den Ball so, wie er kommt, und spiele ihn direkt wieder zurück
Richtung Tor. Dass ich ihn dann so treffe, dass er gefühlt eine Ewigkeit in der Luft ist, im Nachthimmel verschwindet, einmal aufspringt, der Torwart am
Ball vorbeilangt und er ins Tor fällt …
Der Bericht zu seinem Jahrhunderttor
Das war natürlich auch Glück.
Gibt es im Fußball Glück?
Ja, auf jeden Fall.
Spielglück gibt es. Wir sind alle keine Profis. Da passieren manchmal Dinge, die vielleicht gar nicht exakt so gewollt sind
– und trotzdem funktionieren.
Ich glaube aber auch, dass man sich Glück ein Stück weit erarbeiten kann. Wenn du die Grundtugenden auf den Platz bringst
und immer weitermachst, wirst du manchmal eben auch dafür belohnt.
Du wirkst auf viele Leute sehr bodenständig und kameradschaftlich. Woher kommt das?
Ich denke schon, dass das viel mit meiner Familie zu tun hat.
Wenn du Eltern hast, die immer für dich da sind, dich aber gleichzeitig auch wieder auf den Boden holen, dann prägt das.
Und grundsätzlich bin ich einfach kein Freund davon, wenn jemand versucht, nur sich selbst zu profilieren.
Fußball ist ein Mannschaftssport – es funktioniert nur gemeinsam.
Ich war nie
jemand, der sich über alles andere stellen wollte.
Drei Worte,
mit denen dich deine Familie oder deine engsten Freunde beschreiben würden?
Herzlich.
Hilfsbereit.
Und
wahrscheinlich tatsächlich bodenständig.
Ich erinnere
mich an unsere Busfahrt nach dem Pokalfinale. Der Alkoholpegel dürfte zu diesem Zeitpunkt bereits leicht oberhalb der medizinischen Empfehlung gelegen haben …
"Yannik
lacht."
… aber du
hast damals etwas gesagt, das mir hängen geblieben ist. Sinngemäß: So eine Wertschätzung wie hier in Reihen habe ich in meinem Fußballerleben noch nicht bekommen. Ist Wertschätzung für dich
tatsächlich eine Art Währung? Vielleicht sogar wichtiger als Geld?
Ja, auf jeden
Fall.
Nach der
ersten Corona-Pause hatte ich mich nochmal richtig fit gemacht und richtig Lust auf Fußball.
Wenn damals
etwas Interessantes gekommen wäre, hätte ich vielleicht noch einmal versucht, sportlich einen Schritt nach oben zu gehen.
Es hat sich
aber nichts ergeben.
Und
irgendwann war für mich klar: Der Spaß steht im Vordergrund. Wenn im
Amateurfußball kein oder nur wenig Geld fließt, ist Fußball ein Hobby. Und ein Hobby soll Spaß machen.
Wenn du Woche
für Woche deine Knochen hinhältst, im Training und am Sonntag immer versuchst da zu sein und alles zu geben, dann ist es wichtig, dass du merkst: Die Leute wissen das zu schätzen.
Natürlich
darf es Kritik geben. Das gehört dazu.
Aber wenn du
vom Platz kommst, dich mit den Leuten aus dem Verein unterhältst und merkst, dass der Großteil dankbar ist, dass du da bist und alles versuchst, um den Verein nach vorne zu bringen – dann ist das
einfach schön.
"Familienmensch Yannik Obländer"
Vier Jahre Überzeugungsarbeit
Dann kam Reihen. Wie ist der Wechsel zustande gekommen?
Chris Keil hatte mich schon zu meiner Eppinger Zeit immer wieder angerufen.
Ich glaube, er hat vier oder fünf Jahre versucht, mich nach Reihen zu holen.
Beharrlichkeit kann man ihm nicht absprechen.
Nein.
"lacht"
Für mich war vorher aber immer klar: Ich muss als Steinsfurter nicht aus Steinsfurt weg, wenn wir sportlich besser dastehen und ich dort eine gute Mannschaft
habe.
Über die Jahre hatte ich aber natürlich immer mehr Verbindungen nach Reihen. Über Chris, über Robin, einen meiner besten Freunde, und weitere Kumpels, die hier
gespielt haben.
Gleichzeitig ging es in Steinsfurt sportlich immer weiter bergab.
Nach den personellen Veränderungen damals sind innerhalb kurzer Zeit sehr viele Spieler gegangen. Irgendwann mussten wir in der Landesliga mit Spielern aus der zweiten
Mannschaft auffüllen, hatten kaum noch Trainingsbeteiligung und man hörte von immer mehr Spielern, dass sie nach der Saison aufhören wollten.
Am Ende konnten wir die Runde nicht einmal mehr regulär zu Ende spielen, weil uns die Spieler fehlten.
Da habe ich irgendwann nicht mehr gesehen, dass es mir Spaß machen würde, dort weiterzuspielen.
Dann kam die Anfrage aus Reihen wieder.
Und diesmal habe ich zugesagt.
„Da passe ich rein“
Wenn man seinen Heimatverein verlässt, dauert es vielleicht ein bisschen, bis man sich wirklich auf einen neuen Verein einlässt. Gab es einen Moment, an dem du
gemerkt hast: Hier bin ich richtig?
Das ging tatsächlich sehr schnell.
Gefühlt schon beim Gespräch beziehungsweise an dem Tag, an dem ich hier war, um den Wechsel festzumachen. Da hatte ich
ziemlich schnell das Gefühl: Okay, da passe ich rein.
Das sind alles coole Leute.
Und auch da war wieder diese Wertschätzung.
Man hat gemerkt, dass viele wirklich froh darüber waren, dass ich komme.
In der Vorbereitung und dann mit Beginn der Runde hat sich dieses Gefühl eigentlich immer weiter verstärkt.
Was macht den SV Reihen besonders?
Du bist mittlerweile einige Jahre hier. Was ist es, das diesen Verein für dich besonders macht?
Der Zusammenhalt.
Du hast hier das Gefühl, dass viele gemeinsam an einem Strang ziehen.
Mein Vater fragt mich heute noch manchmal: „Wie bekommt ihr das eigentlich hin?“
Er kommt auf den Sportplatz und sieht Leute beim Häuselsdienst, am Grill oder einfach als Zuschauer. Ich bin selbst manchmal fasziniert davon.
Das
Geheimrezept kenne ich auch nicht.
Aber ich
glaube, es ist dieser Zusammenhalt und die Wertschätzung, die man bekommt, wenn man sich einbringt und versucht, seinen Beitrag zu leisten.
"Es ist der Zusammenhalt und die Wertschätzung"
Teil 2 gibts am Samstag !!!
Artikel die Euch auch interessieren könnten: