Sepp Herberger erklärte es sich einst damit, dass die Menschen in die Stadien und auf die Sportplätze pilgern, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.
Seit gestern möchte ich hinzufügen:
Warum gehen die Leute zum Fußball? Weil sie überhaupt nicht wissen, was passiert.
Wirklich: Wenn du dir eine Karte fürs Theater oder fürs Kino kaufst, hast du zumindest eine leise Vorahnung davon, was auf dich zukommt.
Im Prof.-Karolus-Stadion nicht.
Herzlich willkommen in Reihen – we love to entertain you!
So passiert am gestrigen Sonntag, dem 06.09.2026. Wir nehmen es vorweg: Der SV Reihen gewinnt gegen den SV Tiefenbach mit 5:4.
Ich werde an dieser Stelle überhaupt nicht versuchen, sämtliche Ereignisse und Aktionen dieses Spiels zu beschreiben. Wir säßen morgen noch hier. Darum nur das Wichtigste.
Das denkwürdige Spiel – vielleicht jetzt schon das Spiel dieser Saison – begann, wie jedes gute Drama beginnt: mit einem Unglück.
Nach einem eher schwächeren Rückpass musste Obländer einschreiten, bekam das Foul gepfiffen und wurde mit Rot vom Platz gestellt. Harte Entscheidung, aber regelkonform und damit richtig. Zusätzlich gab es Elfmeter für die Gäste, der schon früh im Spiel die Tiefenbacher Führung bedeutete.
Knapp eine halbe Stunde später stand es nach zwei weiteren, sagen wir mal, nicht gerade Glanzlichtern der SV-Abwehr 0:3.
Drei Tore hinten. Ein Mann weniger.
Damit ist das Spiel durch.
Du kannst nach Hause gehen. Oder dich zumindest an den Pavillon zurückziehen.
Wären da nicht Sepp Herbergers alte Worte:
Warum gehen die Leute zum Fußball?
Weil sie eben nicht ahnen konnten, dass es 15 Minuten später nur noch 1:3 stehen und der Gast aus Tiefenbach sich auf denkbar unglückliche Weise gleich doppelt selbst dezimieren würde.
Koprivnik haute einen Elfmeter für den SV rein. Die Gäste sahen zweimal Rot.
Und plötzlich war da wieder irgendwas.
SV-Trainer Sascha Fuhr sprintete zur Halbzeit in die Kabine, als würde er irgendwo in den Katakomben des Karolus-Stadions die längst verloren geglaubte Chance auf Punkte an diesem Sonntag vermuten.
Was immer er seiner Mannschaft dort mit auf den Weg gab – es brauchte ein paar Minuten, bis die Wirkung einsetzte.
Zwei Minuten nach Wiederanpfiff stellten die Gäste auf 1:4.
Also gut.
Wieder ist das Spiel im Grunde durch.
Du kannst dich als Spieler jetzt in einem der zahlreichen Löcher im Rasen verstecken und darauf warten, dass dieser Sonntag irgendwann vorbeigeht.
Fabi Hack hatte allerdings scheinbar nicht mitbekommen, dass das Spiel schon verloren war.
In der 53. Minute landete sein Schuss aus gut 20 Metern im Tor vor der Nordkurve.
2:4.
Und auf einmal war die Bude wieder angezündet.
Im sehr gut gefüllten Stadion, das sicherlich auch den einen oder anderen enttäuschten Süle-Gaffer beherbergte, war plötzlich diese Energie zu spüren, bei der du als Spieler anfängst zu laufen, ohne genau zu wissen, warum eigentlich.
Die Nordkurve schob ihre Mannschaft in Richtung Gästetor.
Spätestens als der eingewechselte Björn Hack den Anschlusstreffer mit einem Kopfballtorpedo zum 3:4 einnetzte, war klar:
Heute könnte es wieder außergewöhnlich werden.
Vorhang auf für den letzten Akt.
Wieder Koprivnik. Wieder Elfmeter. Kurz vor Schluss: 4:4.
Ausgleich!
Beim anschließenden Torjubel holte sich Koprivnik allerdings die Ampelkarte ab. Damit waren die Mannschaften auch personell wieder in ausgeglichener Stärke.
Und irgendwie lag jetzt Musik in der Luft.
Darius-Musik.
Kurz vor dem Ende dieses denkwürdigen Spiels erzielte Darius das 5:4 – und machte damit aus dem Prof.-Karolus-Stadion endgültig ein Irrenhaus.
Und das Verrückteste daran:
Hier wurde nicht einmal die Hälfte von dem erwähnt, was an diesem Nachmittag passiert ist.
Mit dem Schlusspfiff setzte der SV sogar noch einen weiteren Elfmeter an die Latte.
Es war einfach zu viel los.
Nach dem Spiel wurde die Mannschaft von der Nordkurve frenetisch gefeiert. Eine Mischung aus Freude, Anerkennung und einem großen Dankeschön für einen außergewöhnlichen Fußballsonntag.
Und damit zurück zur Ausgangsfrage:
Warum gehen die Leute zum Fußball?
Weil sie keine Ahnung haben, was passiert.
Auch nächste Woche wieder.