Opas letzte Schlacht
Weil Fußball und Leben keine getrennten Bereiche sind, sondern immer auch ineinandergreifen, sind Elemente und Texte in diesem Blog gelegentlich autobiographisch. Ich mach mir Gedanken – über Fußballspiele, über die Geschichten am Rande und auch über Episoden die mich betreffen.
Am Sonntag spielt Reihen in Obergimpern. Im Vorfeld dieser Partie ist mir eines aufgefallen. Es war das letzte Spiel, welches mein Opa Martin live sah.
Jetzt wird’s kurz traurig – wahr ist aber – irgendwann ist für jeden das letzte Mal. Die letzte Umarmung, das letzte Gespräch, der letzte Kaffee und eben auch das letzte Spiel. Die letzte Schlacht. Glücklicherweise ist einem dieser Sachverhalt lediglich in abstrakter Form bewusst. Man macht sich keine Gedanken darüber und weiß auch nicht, wann es ist. Gut so.
Opa Martin wusste es im September 2002 auch nicht als sein SV am dritten Spieltag in der Krebsbach-Arena antrat, die damals wahrscheinlich noch nicht so genannt wurde. Das erste Jahr B-Klasse für den stolzen Sportverein. War man mental noch in der zweiten Amateurliga hängen geblieben, bespielte man plötzlich Vereine, auf die man bestenfalls alle 15 Jahre im Kreispokal traf. VFB Adersbach, Viktoria Landshausen und eben der TSV Obergimpern. Die goldenen Jahre lagen damals noch vor den Kraichgau Piraten. 3-mal Kreisliga Meister, Klassenerhalt in der Landesliga, Kreispokalsieger 2015. Im Sommer 2002 noch undenkbar.
Nervosität lag an diesem heißen Sonntag in der Luft. Mit lediglich einem Sieg aus den ersten beiden Spielen waren die Jungs aus Reihen als „Bayern München“ dieser Spielklasse schon unter Druck. Im Tor stand Dr. Daniel Debatin, legendärer Pfeifenraucher bei den Spielerbesprechungen und heute Facharzt für innere Medizin. Unvergessen, dass sich der Keeper Wochen später seine durch einen Tritt gebrochene Nase mit einem Handspiegel auf dem Sportplatz im Prinzip selbst operierte. Da standen noch Männer auf dem Feld. Timo Hautzinger, Kevin Rembert, Wolfgang Bauer oder Göke.
Das Spiel selbst war in meinem bewussten Zeitfenster eines der Besten, welches ich sehen durfte. Es war laut, es war dreckig, unfassbar hektisch. Es war Obergimpern – da fährt man nicht zum Sonntagsausflug hin. Da muss man sich an der Stimmung, die gegen die eignen Farben gerichtet ist, berauschen. Da brauchst du Spannung in der Mitte deines Körpers, sonst knickst du weg wie ein Grashalm.
Opa Martin hatte seinen Platz auf der Terrasse vor dem Clubhaus. Damals schon im Rollstuhl und gezeichnet von einem schweren Herzinfarkt. Die Leute um ihn herum wussten gleich für welchen Verein das alte Herz schlägt. Nach einer Stunde ließ sich ein sichtlich betrunkener Fan aus Gimpern hinreißen und schrie: „Macht mal einer die Bremse vom Rollstuhl auf!“ Ich mag den TSV sehr gerne und hab auch immer die Atmosphäre dort genossen – das werde ich aber nie vergessen. Ich war damals 15. Noch heute würde ich mich mit dem Mann gerne „unterhalten“.
Jedenfalls gewann der SV Reihen dieses Spiel mit 4-3 und als Opa den Sportplatz verließ war er glücklich über den Sieg und hatte wohl auch aufgrund des Spielverlaufs den nächsten Herzinfarkt in der Tasche. Die Ärzte ließen ihn nicht mehr ins Stadion. Aus heutiger Sicht völliger Bullshit. Er ist 3 Monate später in einem Krankenwagen auf dem Weg nach Heilbronn gestorben. Hätte er es sich aussuchen können, wäre nach „Zuhause“ wohl „Beim Fußball“ die beste Wahl gewesen um abzutreten.
Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren war Obergimpern gegen Reihen das letzte Spiel des Mannes, der mir einen Großteil dieser Begeisterung und der Liebe für diesen Sport gegeben hat. Ohne Martin Oberli hätte ich vielleicht kein Fußball gespielt. Es gäbe sicherlich keinen Kuckucks-Blog und diese Zeilen blieben ungeschrieben.
Ich bin sicher, er wird sich von da oben wie gehabt über den Schiedsrichter ärgern, seinen SV nach vorne wünschen und sich über 3 Punkte freuen.
Du fehlst mir alter Mann mit Hut und Danke…
Martin Oberli (1931-2003)