Plötzlich
Trainer
Kapitän war Yannik Obländer beim SV Reihen bereits. Verantwortung zu übernehmen ist für ihn
also nichts grundlegend Neues.
Und trotzdem hat sich seit diesem Sommer etwas verändert. Aus dem Führungsspieler auf dem Platz ist ein Spielertrainer geworden. Gemeinsam mit Sascha Fuhr und Claudio
Bellanave trägt er Verantwortung dafür, wie sich die Mannschaft entwickelt.
Das erste Kreisligaspiel in der neuen Funktion ist inzwischen
absolviert.
Und gewonnen.
Zeit also, einmal nachzufragen, wie sich Fußball anfühlt, wenn man plötzlich nicht mehr nur darüber nachdenken muss, was man selbst auf dem Platz
macht.
Erstes Kreisligaspiel als Trainer, erster Sieg.
Das können nicht alle von sich behaupten. Gerne mal bei ehemaligen SV Trainern nachfragen.
Yannik lacht.
Du warst vorher schon Kapitän. Hat sich dein Blick auf die Mannschaft trotzdem
verändert?
Ich glaube, dass mir meine letzten zwei oder drei Jahre im Jugendfußball etwas zugutekommen.
Da habe ich verschiedene Trainingsansätze kennengelernt und mich schon damals immer mal wieder gefragt: Was könnte man an einer Übung vielleicht verändern? Was könnte
man noch optimieren?
Nicht weil die Übungen schlecht waren. Ich finde es einfach interessant, darüber nachzudenken.
Später hatte ich als Kapitän natürlich auch immer wieder Austausch mit den Trainern. Dadurch war der Schritt vielleicht
nicht ganz so groß.
Trotzdem ist es eine Umstellung. Früher kommst du nach der Arbeit nach Hause, packst deine Tasche und fährst zum Training.
Du musst dir keine großen Gedanken darüber machen, was gleich passiert.
Heute überlegst du vorher: Was wollen wir machen? Welche Spielform? Welche Passübung? Was möchten wir verbessern?
Aber genau das macht mir auch Spaß.
Du überlegst, wie du vielleicht noch ein bisschen mehr aus jedem einzelnen Spieler herausholen kannst.
Spielen und gleichzeitig coachen
Wie schwierig ist der Spagat während eines Spiels? Du musst selbst spielen und gleichzeitig Trainer sein.
Daran muss ich mich sicherlich noch ein bisschen gewöhnen.
Wir haben den Vorteil, dass wir mehrere Leute im Trainerteam sind. Dadurch kann ich mich während des Spiels schon auch auf meine eigene Leistung
konzentrieren.
Jetzt gibt es beispielsweise die Trinkpausen. Da kann man sich kurz mit Sascha und Claudio austauschen.
Ohne jemanden draußen wäre es als Spielertrainer sicherlich deutlich schwieriger.
Wie ist die Rollenverteilung zwischen Sascha, Claudio und dir?
Wir haben eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe und besprechen dort den groben Plan für das Training.
Aktuell plant Sascha noch den Großteil der Trainingsinhalte, auch weil er selbst nicht mittrainieren muss.
Claudio und ich bringen aber zunehmend eigene Sachen ein.
Dann schreibt einer beispielsweise: „Ich hätte eine coole Passübung“ oder eine Torschussübung, die man ausprobieren könnte.
Da wachsen wir Stück für Stück rein.
Ich finde die Verteilung aktuell sehr gut.
Sascha plant grob und wir können immer mehr Inhalte einbringen.
Und die Aufstellung?
Wir setzen uns freitags nach dem Training zusammen und diskutieren.
Bisher sind wir da eigentlich immer auf einen guten gemeinsamen Nenner gekommen.
Das letzte Wort hat Sascha.
Und das ist für Claudio und mich vollkommen in Ordnung.
Wie soll eine Mannschaft von Yannik Obländer
spielen?
Wenn ein Außenstehender eine von dir trainierte Mannschaft sieht: Woran würdest du
gerne erkennen, dass das eine Mannschaft von Yannik Obländer ist?
Das Zweikämpferische muss da sein.
Das gehört einfach dazu und macht auch unsere Mannschaft aus. Darüber gewinnen wir viele Spiele.
Was ich gerne noch stärker reinbringen möchte, ist das Spielerische.
Dass wir uns besser anbieten. Dass wir in manchen Situationen nicht zu hektisch werden. Dass vielleicht dieser eine zusätzliche Schritt gemacht wird, um für einen
Mitspieler anspielbar zu sein.
Das ist im Amateurfußball allerdings nicht immer einfach.
Wenn du ein Training planst, in dem du bestimmte Abläufe trainieren möchtest, und dann mit fünf, sechs oder sieben Spielern dastehst, funktioniert vieles
nicht.
Vielleicht fehlen dann genau die Spieler, die auf den Positionen spielen, für die du etwas einstudieren wolltest.
Du brauchst Regelmäßigkeit, damit irgendwann jeder weiß: In dieser Situation mache ich das und mein Mitspieler bewegt sich dorthin.
"Vom Mittelfeld in die letzte Reihe"
Viele sehen dich wahrscheinlich noch als zentralen Mittelfeldspieler. Wo spielst du
selbst mittlerweile eigentlich am liebsten?
Tatsächlich eher als Innenverteidiger.
Hinten bekommt man bei uns aktuell einfach häufiger den Ball.
Man spielt vielleicht nicht immer den entscheidenden Pass, kann aber den vorletzten spielen und einen Angriff eröffnen.
Brauchst du Ballkontakte, um richtig ins Spiel zu kommen?
Schon.
Ich habe den Ball gerne am Fuß und möchte auch einmal schauen können, was passiert.
Und manchmal ist es ganz angenehm, wenn einem nicht permanent einer am Arsch klebt.
lacht
Bei uns ist es häufig so, dass wir Diagonalbälle oder schnell in die Spitze spielen wollen. Dann gibt es im Mittelfeld Phasen, in denen die Bälle eigentlich nur über
dich hinwegfliegen und du hin und her sprintest.
Deshalb gefällt mir die Innenverteidigung mittlerweile ziemlich gut.
Vielleicht wird dort ja auch eine Meisterschaft gewonnen.
Vielleicht.
Wenn du zu null spielst, hast du zumindest schon einmal einen Punkt.
Und vorne muss dann nur noch irgendetwas passieren.
"Spiele, die bleiben"
Gibt es zwei Spiele deiner Laufbahn, an die du besonders gerne
zurückdenkst?
In der Jugend auf jeden Fall unser Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Verbandsliga.
Wir lagen zur Winterpause, glaube ich, neun Punkte hinter Weinheim.
Am Ende waren wir punktgleich und mussten in Schwetzingen auf dem Kunstrasen ein Entscheidungsspiel spielen.
Wir sind eher als Außenseiter reingegangen, lagen 0:1 hinten, haben ausgeglichen und am Ende im Elfmeterschießen gewonnen.
Das war schon besonders.
Und aus der jüngeren Vergangenheit natürlich das Pokalfinale in Waibstadt.
Mit dem ganzen Dorf und dem ganzen Verein im Rücken – das war nochmal eine komplett andere Hausnummer.
Das war schon ein Erlebnis.
Was hat sich im Amateurfußball in den vergangenen Jahren zum Guten und zum Schlechten verändert?
Ich fange mit dem Schlechten an.
Die Jugend fehlt.
Es gibt nur noch wenige Vereine, die wirklich einen Unterbau haben, bei dem du sagen kannst: Da kommen jedes Jahr zwei oder drei Spieler aus der A-Jugend hoch, die du
in den Seniorenbereich integrieren kannst.
Ich finde, das ist noch schwieriger geworden als früher.
Woran es genau liegt, weiß ich nicht.
Vielleicht gibt es auch Jugendliche, die irgendwann sagen: Diesen Aufwand möchte ich nicht mehr betreiben.
Das führt gleichzeitig dazu, dass gute junge Spieler aus kleineren Vereinen sehr schnell von Vereinen angesprochen werden, die Geld bezahlen können oder bezahlen
wollen.
Dann gehen sie früh vom Heimatverein weg.
Und wenn vorher kaum eine Bindung entstanden ist, ist es später natürlich schwieriger, irgendwann zurückzukommen.
Und was ist positiv?
Es ist trotzdem immer noch Fußball pur.
Gerade in der Kreisliga und darunter gibt es viele Vereine, die bestimmte Summen überhaupt nicht bezahlen können oder wollen.
Dann kommst du auf den Sportplatz, triffst deine Kumpels und hast Spaß.
Wenn du lange genug im Kreis spielst, kennst du außerdem bei fast jedem Verein jemanden.
Dann lieferst du dir vielleicht 90 Minuten lang ein ordentliches Gefecht – und danach sitzt du mit genau dem gleichen Typen zusammen, trinkst ein Bier und redest über
andere Dinge.
Das ist für mich Amateurfußball.
Ist Trainer etwas, das für dich wirklich Zukunft hat?
Auf jeden Fall.
Schon bevor die Frage kam, ob ich Spielertrainer werden möchte, war für mich klar, dass ich irgendwann Trainer sein will.
Eigentlich wollte ich zunächst einen Trainerschein machen und mich über die Ausbildung langsam in diese Richtung entwickeln.
Jetzt ging alles ein bisschen schneller.
Aber ich möchte den Trainerschein auf jeden Fall noch machen. Ich könnte mir später auch vorstellen, einmal eine
höherklassige Jugendmannschaft zu trainieren. Einfach um andere Dinge kennenzulernen und selbst noch einmal dazuzulernen.
Trainer sein kann ich mir langfristig definitiv vorstellen.
Gerade wenn der eigene Körper irgendwann sagt, dass es mit dem Spielen nicht mehr geht.
Fußball war schon immer ein Teil meines Lebens.
Und das soll auch so bleiben.
"Als Kapitän der Pokalsiegermannschaft ein gefragter Gesprächspartner"
"Die Überschrift in zehn Jahren"
Wir springen zehn Jahre nach vorne. Jemand schlägt den Kuckucks-Kurier auf und
liest einen Rückblick auf deine Zeit als Spielertrainer des SV Reihen. Was würdest du gerne darin lesen?
Dass wir die Mannschaft gemeinsam geprägt und weiterentwickelt haben.
Bewusst gemeinsam.
Denn genauso wie auf dem Platz funktioniert es auch als Trainer nicht alleine. Da gehören immer mehrere Leute dazu.
Wir haben ein gutes Trainerteam und ich glaube, dass wir mit dieser Mannschaft noch einige Schritte gehen können.
Natürlich wäre auch ein weiterer Pokalsieg schön.
Als Kapitän habe ich einen gewonnen. Als Spielertrainer wäre das natürlich auch noch einmal etwas Besonderes.
Aber mir wäre vor allem wichtig, dass Spieler später zurückblicken und sagen können:
Die Zeit hat mich weitergebracht.
Ich habe dort etwas gelernt.
Ich konnte mich entwickeln und noch einmal einen nächsten Schritt machen.
Wenn Spieler das irgendwann über unsere gemeinsame Zeit sagen, wäre das schon ziemlich cool.
NACHSPIELZEIT
Zum Abschluss wird nicht mehr lange überlegt. Kurze Frage, schnelle Antwort.
Kaffee oder Bier?
Bier.
Heimspiel oder Auswärtsspiel?
Heimspiel.
Torschießen oder Tor vorbereiten?
Vorbereiten.
Natur- oder Kunstrasen?
Naturrasen.
Kabinenmusik – laut oder leise?
Laut.
Lieblingsstadion in der Kreisliga?
Professor-Karolus-Stadion in Reihen.
Und wenn Reihen nicht zählen darf?
Das Biesigstadion in Waibstadt. Auch weil die Erinnerungen dort mittlerweile ziemlich positiv sind.
Lieblingsverein in der Bundesliga?
Borussia Mönchengladbach.
Welcher Mitspieler wäre dein Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“
Chris Keil oder Scholli.
Einer, der selten lange von sich selbst spricht
Nach gut 40 Minuten Gespräch fällt eine Sache auf.
Man kann Yannik Obländer nach seiner eigenen Laufbahn fragen – und trotzdem dauert es meistens nicht lange, bis er über andere spricht.
Aus dem Steinsfurter Jungen wurde ein Verbandsliga-Spieler. Aus dem Jugendspieler ein Landesliga-Fußballer. Aus dem Neuzugang in Reihen wurde ein Kapitän und
Pokalsieger. Und aus dem Kapitän wird nun langsam ein Trainer.
Die Rollen haben sich verändert.
Eine Überzeugung offenbar nicht:
Fußball funktioniert nur zusammen.
Und vielleicht ist Yannik Obländer gerade deshalb beim SV Reihen ziemlich genau dort gelandet, wo er hingehört.