10 Jahre Alte Herren – Einfach dabei bleiben

Nicht wenige Fußballvereine wurden einst in Kneipen und Wirtshäusern gegründet. Zwischen Pilsgläsern und Zigarettendunst scheint offenbar nicht selten das beste Umfeld zu herrschen, um große Ideen entstehen zu lassen.

 

So erlebten auch die Alten Herren des SV Reihen ihre Geburtsstunde im Jahr 2016 nicht ganz nüchtern am Pavillon des August-Karolus-Stadions.

 

Oder sollte man besser sagen: ihre Wiedergeburt?

Denn das Gegen-den-Ball-Treten von in die Jahre gekommenen Männern hatte in Reihen durchaus Tradition. Mal mehr, mal weniger regelmäßig. Unvergessen ist eine Mannschaft rund um die Jahrgänge 1960 und älter, die Mitte der 90er-Jahre regelmäßig bei Turnieren rund um Kössen in Österreich für Aufsehen sorgte. Gespickt mit Zweitligaspieler Peter Jakob oder Flügelflitzer Roland Keitel lehrte man dort selbst Galatasaray Istanbul das Fürchten.

"Die alten Alten Herren 1991 in Kössen"

Spätestens mit dem Ende des Jahrtausends verliefen jedoch sämtliche Versuche, dauerhaft wieder eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, recht schnell im Sand.

Bis zu jenem Tag im Jahr 2016.

 

Es war der erste Spieltag der Saison 2016/17, als sich Ralf Huber und weitere Männer im schon gesetzten Alter am Bierstand vereinten. Der genaue Wortlaut dieser Gespräche ist nicht überliefert. Das mag seine Gründe haben.

Befeuert von der Liebe zu Dorf und Sportverein entstanden an diesem Nachmittag jedenfalls gleich zwei große Ideen. Sie dürften sich ungefähr so angehört haben:

 

„Wir sollten den Alten Flach wieder aufmachen.“

 

Und:

 

„Wir sollten wieder eine Alte-Herren-Mannschaft gründen.“

 

Der erste Vorschlag lässt sich vermutlich mit der Anwesenheit von Walter Flach erklären, Sohn der legendären Reihemer Gaststätte, der an diesem Tag den Sportplatz besuchte und die Anwesenden mit Geschichten aus vergangenen Zeiten fütterte.

 

Die zweite Idee ist schwieriger zu erklären.

Vielleicht war es einfach das Bedürfnis nach einer Antwort auf die Frage: Wie schaffen wir es, auch in Zukunft regelmäßig eine gute Zeit miteinander zu verbringen?

Keine hochgesteckten sportlichen Ziele. Kein „Wir können es noch mal“. Keine großen Ambitionen.

Einfach zusammen sein.

Vielleicht liegt genau darin bis heute das Erfolgsrezept dieser Mannschaft. Kein Druck. Keine überambitionierten Verpflichtungen. Eigentlich nur ein:

 

Schön, wenn du da bist.

 

Und für einen Sportverein steckt darin etwas enorm Wertvolles: Du bleibst mit ihm verbunden. Auch dann, wenn deine aktive Laufbahn längst vorbei ist – vorausgesetzt natürlich, du hattest überhaupt eine.

Eine WhatsApp-Gruppe und elf Männer

Der Abend ging irgendwann zu Ende.

Der Gedanke blieb.

Und die praktische Umsetzung begann, wie es der Zeitgeist damals schon verlangte: mit einer WhatsApp-Gruppe.

 

Am 29. September 2016 wurde jene Gruppe ins Leben gerufen, die bis heute besteht. Elf Mitglieder waren es am Anfang.

 

Drei Wochen später fand unter Flutlicht das erste Training statt. Jeder war gespannt, wie viele tatsächlich mit ihrer Sporttasche auftauchen würden.

 

Es wurden genug.

 

Und auch dieser Abend wurde lang.

Im Clubhaus saß man bis spät in die Nacht zusammen, erzählte Geschichten, trank natürlich auch das eine oder andere Getränk und irgendwann machte sogar der Kreispokal aus dem Jahr 2000 die Runde.

Alle gingen mehr als selig nach Hause.

 

Zu diesem ersten Abend gehörten auch Ralf Hecker, der mittrainierte, und Klaus Gans, der später im Clubhaus seine Geschichten erzählte.

 

Beide schauen mittlerweile von oben auf den SV.

 

Beim Schreiben dieser Zeilen merkt man, wie sehr diese Männer fehlen – und gleichzeitig, wie lebendig die Erinnerungen an sie geblieben sind.

 

Aber das Spiel geht immer weiter.

"Der erste Turniersieg 2017 in Weiler"

Der erste Pokal

 

Nach mehreren Trainingseinheiten und einer stetig wachsenden Kaderstärke folgte der erste sportliche Höhepunkt: das Oktoberfest-Turnier in Weiler.

 

Ein wahnsinniger Tag endete tatsächlich mit dem Turniersieg.

 

An der Seitenlinie stand Willi Unser. Eigentlich wollte er nur zuschauen. Lange hielt er das allerdings nicht aus. Irgendwann coachte er die Mannschaft zum Turniersieg.

 

Auch an ihn soll an dieser Stelle erinnert werden.

 

Der Abend samt Schinken und Fassbier endete – wie so mancher Abend damals – bei Dietmar in der Küche.

Ein berauschender Erfolg.

In jeder Hinsicht.

Und leider bis heute einmalig.

 

Denn das mittlerweile zum Pflichtprogramm der AH gehörende Turnier in Weiler konnte seitdem nie wieder gewonnen werden. Sollte es tatsächlich einen Makel in der zehnjährigen Geschichte dieser Mannschaft geben, dann vermutlich diesen.

"2018 mit eigener Fankurve im Rücken"

Tairnbach, Hilsbach und viele Geschichten

 

Liebgewonnen ist seit 2018 auch die Teilnahme am Turnier in Tairnbach. Gleich bei der Premiere und erneut 2019 konnte der SV Reihen dort gewinnen. Seither kamen unter anderem ein zweiter und ein dritter Platz hinzu.

 

Ein Pflichttermin bei einem ebenso tollen Verein.

 

Überhaupt erzählt jedes Turnier seine eigene Geschichte.

 

In Hilsbach wurde ebenfalls zweimal gewonnen. Seit 2024 wurden wir allerdings nicht mehr eingeladen.

Vielleicht nicht das ruhmreichste Kapitel der vergangenen zehn Jahre.

Aber eben auch eines, das dazugehört.

 

Viel mehr als Fußball

 

Viel wichtiger als Pokale, Platzierungen und Turniersiege ist ohnehin etwas anderes.

"Jeder Sieg wurde gebührend gefeiert"

Was sich durch all diese Jahre zieht, ist der Zusammenhalt – und der enorme Mehrwert, den diese Mannschaft für das Gesamtkonstrukt SV Reihen entwickelt hat.

 

Die Vorstandschaft des Fördervereins wurde 2018 komplett mit Alten Herren besetzt. Kaum eine Aktion im Verein, bei der helfende Hände gebraucht wurden, kam ohne Menschen aus den Reihen der AH aus.

 

Und längst geht es dabei nicht mehr nur um diejenigen, die noch Fußball spielen können oder wollen.

Auch wer die Kickschuhe schon lange nicht mehr schnürt, bleibt Teil dieser Gemeinschaft. Man bleibt in der WhatsApp-Gruppe, kommt auf den Sportplatz, hilft bei Veranstaltungen, sitzt im Clubhaus oder steht am Pavillon.

 

Stand heute gehören 67 Menschen zu dieser Gruppe.

 

Natürlich bringt sich jeder unterschiedlich ein. Der eine mehr, der andere weniger. Der eine auf dem Platz, der andere daneben.

Aber über allem steht ein Gedanke:

 

Teilhabe. Verbunden bleiben. Dazugehören.

"Arbeitseinsatz"

Mittlerweile ist es fast selbstverständlich, dass Spieler, die aus der Ersten oder Zweiten Mannschaft ausscheiden, irgendwann den Weg zur Traditionself finden.

Auch hier gilt wieder: ohne Druck.

Einfach dabei bleiben.

 

Die erste Garde der Alten Herren von vor einem Jahrzehnt wurde sportlich inzwischen fast vollständig

ausgetauscht.

 

Und das ist gut so.

 

Denn genau das bedeutet, dass es weitergeht.

Neue Spieler kommen. Neue Geschichten entstehen. Wir werden neuen Menschen ein Zuhause geben. Wir werden gemeinsam lachen, gewinnen, verlieren und feiern.

Und traurigerweise werden wir auch immer wieder Menschen verabschieden müssen.

 

Aber wir werden diese Alten Herren am Leben halten.

 

„So lange der Lindenbaum noch steht“, heißt es in unserem Vereinslied.

 

Vielleicht kann man es nach zehn Jahren Alte Herren noch um ein paar Zeilen erweitern:

 

Solange Menschen Gemeinschaft suchen.
Solange es Spaß macht, sich einzubringen.
Solange Menschen gemeinsam etwas erreichen wollen.

Sei es im Trikot oder neben dem Platz.
Sei es im Clubhaus oder unten am Pavillon.

Dann wird es diese Mannschaft geben.

 

Zehn Jahre Alte Herren sind eine Erfolgsgeschichte. Und diesen Geburtstag werden wir mehr als gebührend feiern.

 

Laut im Clubhaus.
Laut auf dem Platz.

 

Und vielleicht irgendwann auch einmal ganz leise mit einem Bier am Pavillon.

 

Dort, wo alles angefangen hat.

 

Für Ralf. Für Klaus. Für Willi.

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